Warum "Das Lied der Krähen" so großartig ist


Wenn ihr vorher noch nie etwas von Leigh Bardugos Büchern gehört hattet, hat sich das höchst wahrscheinlich in den letzten Wochen geändert. Es wurde nämlich eine Netflix-Serie rund um die Buchreihen "Grischa" und "Das Lied der Krähen" angekündigt, wodurch ich mich kopfüber im Fandom wiedergefunden habe. Neben sehr unsinnigen Dingen wie dem "knochenlosen Jesper" (fragt nicht) hat mir dieses Fandom noch einmal gezeigt, wie unglaublich großartig die Bücher doch sind. Ich kann nun endlich in Worte fassen, warum mir die Bücher um Kaz Brekker und seine Bande so viel bedeutet und genau darum geht es in diesen Post.

Nur noch einmal zum Verständnis, hier geht es vorrangig um die Dulogie aus "Das Lied der Krähen" und "Das Gold der Krähen", da ich die Grischa-Trilogie nie beendet habe. Zu "Das Lied der Krähen" habe ich bereits vor einiger Zeit eine Rezension verfasst, diese könnt ihr hier lesen.
Ich habe den zweiten Band dann auch direkt nach Erscheinen gelesen, jedoch nie rezensiert, da mir das bei Folgebänden recht schwerfällt. Ich muss aber sagen, beide Bücher haben mich gleichermaßen begeistert und hier kommt jetzt auch, warum.

Was einige Leser vielleicht abschrecken oder gar verwirren mag ist die Anzahl an Protagonisten. Denn davon gibt es in diesen Büchern gleich sechs. Kaz, Jesper, Inej, Nina, Matthias und Wylan. Zusammengewürfelt für eine scheinbar unmögliche Aufgabe. Und sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Nicht nur was ihre Charaktereigenschaften und Stärken angeht, alle Sechs kommen aus unterschiedlichen Ländern beziehungsweise Kulturen, teilweise auch Religionen. Dies prägt das Verhältnis zwischen einzelnen Figuren und es hat mich immer wieder fasziniert, wie dynamisch die Gruppe trotz allem ist. Es wird in der Geschichte wunderbar beschrieben, wie ein Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen funktionieren kann und sollte, und wie Probleme dieses Ursprungs auch z.B. in Beziehungen gelöst werden können.

Das Universum von Leigh Bardugos Büchern ist unserer Welt nicht unähnlich und so sind auch nicht alle Protagonisten weiß. Und die Tatsache, dass dies positiv auffällt und eine Rarität darstellt, ist doch eigentlich unglaublich traurig.  Es ist ja nicht mal so, dass die Hautfarbe für die Handlung eine große Rolle spielen würde, es sind einfach Fakten, die so klein und unbedeutend scheinen, aber so Großes bewirken. Manche Fans vermuten, dass die Protagonistin Inej Kopftuch trägt, da sie stark gläubig ist (Die Religion, der sie angehört, ist eine erfundene.), und ich muss ehrlich sagen, ich fände das so unglaublich toll, wenn Netflix Inej so porträtieren würde. Wann trägt eine Protagonistin in westlichen Jugendbüchern Kopftuch, ohne dass es relevant für die Handlung ist? Äußerst selten, ich würde schon fast behaupten, nie. Dabei gibt es so viele Menschen, die nicht weiß sind oder ein Kopftuch tragen und diese Bücher lesen. Es ist nicht schwer, diese Dinge in eine Geschichte einfließen zu lassen, wie Leigh Bardugo in ihren Büchern gezeigt hat. Aber es gibt so vielen Lesern Charaktere, mit denen sie sich identifizieren können.

Und es geht weiter mit der Kunst der Repräsentation. Ich würde mal behaupten, dass keiner der Protagonisten als klar heterosexuell identifizierbar ist. Es wird im Fandom gescherzt, dass Tante Heleen der einzig heterosexuelle Charakter ist und ich finde das absolut genial. Bei einigen Charakteren steuert es zur Handlung bei, bei anderen sind es nur Andeutungen, aber auch hier können sich wieder viele Leser mit den Figuren identifizieren.
Die Autorin hat auch sich selbst gewisser Maßen in dem Buch repräsentiert, nämlich hat sie dem Anführer Kaz ihr Handicap gegeben, was ihn in so vielen Weisen nahbarer macht. Er ist der Anführer, aber er ist keineswegs perfekt. Aber er wandelt seine Behinderung in eine Stärke, und das ist so unglaublich inspirierend für so viele, da es jeder auf seine persönlichen Schwächen übertragen kann.

Eine Norm unserer Gesellschaft wird außerdem gebrochen, indem Nina als schön und sexy, selbstbewusst und gleichzeitig dick dargestellt wird. Das sind leider Eigenschaften, die man nebeneinander nicht wirklich findet, und dass das unglaublich schade und falsch ist, muss ich hoffentlich nicht erwähnen. Auch Traumata werden behandelt und zum Glück nicht romantisiert, wie in vielen Liebesgeschichten. Zu alle dem kommt noch, dass die Protagonisten die unterschiedlichsten Hintergrundgeschichten haben und aus verschiedenen sozialen Schichten kommen.

Und was will ich jetzt damit sagen? Die Tatsache, dass die Charaktere irgendwelche Auserwählten oder Retter sind, unterstützt die Message, die ich an der Geschichte so toll finde. All dies zeigt nämlich, dass jeder Abenteuer erleben kann. Du musst nicht weiß, hetero, schlank, wunderschön oder am 25. Tag des 19. Monats geboren sein, um der Protagonist einer Geschichte zu sein. Manchmal braucht es nur ein durchgeknalltes Mitglied deiner Bande, der auf Belohnung aus ist.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich Angst davor, dass Netflix das Ganze verhaut. Dass Jesper und Inej auf einmal weiß sind. Dass Kaz ein mysteriöser, heißer Bad Boy ist. Dass Nina zwar sexy, aber auch gertenschlank ist. Dass die Message der Geschichte verlorengeht. Aber ich vertraue Leigh Bardugo, denn sie arbeitet mit an der Produktion und ich denke sie weiß, wie viel Bedeutung die kleinen Details haben.

Ich kann euch die Buchreihe nur ans Herz legen. Nicht nur aufgrund der hier beschriebenen annähernd perfekten Repräsentation, sondern natürlich auch, weil die Geschichte so spannend und gut gemacht ist, ich habe die Bücher hiermit offiziell in meine Reihen der Lieblingsbücher aufgenommen.

Ich muss euch allerdings auch warnen. Nachdem ich diese Meisterwerke gelesen habe, sehe ich die fehlende Repräsentation in anderen Büchern nur umso stärker. Wenn man einmal eine so gute Umsetzung gelesen hat, ist eigentlich alles unter diesem Niveau. Aber jetzt habe ich einen Grund zu meckern, denn man sieht ja hier, dass es machbar ist.


Neetje

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